17. September La Cité de Carcassonne
Wir satteln den Roller und machen uns auf den Weg zur Cité. Beim vierten oder fünften Kreisel fährt Kersten vorschnell in Richtung Centre, so gelangen wir zum Bahnhof. Allerdings sehen wir hier keine Schilder zur Cité, ich dirigiere den Gatten nach Sonnenstand. Dadurch kommen wir zur Neuen Brücke und zu einem ersten Blick auf die mittelalterliche Festung nebst alter Brücke.

Schon die Römer gründeten auf dem Hügel am Ufer der Aude eine Siedlung. Im Mittelalter wurde sie zu einer beeindruckenden Festungsstadt ausgebaut. Sie war Zentrum der Katharer, einer anti-katholischen Glaubensgemeinschaft, später hauste dort die Inquisition. Irgendwann verfiel die Festung, sie wurde dann im 19. Jhd. restauriert.
Mit ihrer drei Kilometer langen doppelten Stadtmauer und den 52 Türmen gilt sie als größte in Europa. Kein Wunder, dass sie zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt.
Nun finden wir auch wieder Wegweiser und kommen schließlich zum anvisierten Parkplatz beim Haupteingang der Altstadt. Porte Narbonnaise ist ein imposantes Stadttor, das etliche Sicherheitsvorkehrungen aufweist; von Zugbrücke über Fallgitter bis zu Pechlöchern.
Begrüßt werden wir hier von Madame Carcas.
Diese Dame, einst Herrin der Cité, muss der Legende nach sehr pfiffig gewesen sein. Als nämlich die Burg belagert wurde und der Hunger die ersten Opfer forderte, ließ sie ein fett gemästetes Schwein von der Burgmauer werfen. Die Angreifer, selbst schon erschöpft, dachten sich daraufhin, dass es wohl noch eine ganze Menge solcher Tiere in der Festung geben müsste. Niedergeschlagen gaben sie auf und zogen ab. Zum Jubel über das Ende der Blockade läuteten die Burgglocken. Da soll einer der Feinde gesagt haben: „Madame Carcas sonne“ (Madame Carcas läutet). Und so kam die Stadt zu ihrem Namen.
Unser erstes Ziel in der Altstadt ist das Château Comtal des Grafen von Trencavel. Eintrittskarten hatte ich bereits zuhause online besorgt und musste dabei weder einen bestimmten Tag noch eine Uhrzeit vorwählen. Kosten 19 Euro pP in der Hauptsaison. Ein modernisiertes altes Bollwerk markiert den Eingang; eine Brücke über den nun trockenen Graben führt uns ins Château. Auch hier nochmal eine starke Mauer und ein stark befestigtes Tor.
Der Rundgang führt uns durch Räume des Schlosses und auf der Burgmauer entlang zu einem großen Innenhof. Dabei sind die Räume mit ein paar Ausstellungsstücken weniger interessant als die Aussichten von der Mauer. Der Schatten spendende Baum ist willkommen für eine kleine Rast. Wegen der Rollerfahrt tragen wir lange Hose, dafür ist es mittlerweile aber irgendwie zu warm.
Frisch betankt mit Rhabarberschorle können wir nun eine Wanderung unter die Füße nehmen. Von Hof aus startet nämlich der Rundweg auf der Stadtmauer; 3 km lang und ein stetes Treppauf – Treppab. Denn wir müssen ja durch die zahlreichen Türme durch.
Eindrücke gefällig? Voila
Auf der „Innenseite“ schauen wir auf die Gassen und Häuserdächer der Cité, haben einen vollständigeren Blick auf das Château. Außerdem kommen wir an der Basilika Saint Nazaire vorbei, sowie an dem auf dem ehemaligen Klostergelände errichteten Jean Deschamps Theater. Dort finden diverse Veranstaltungen und Konzerte statt, so auch das jährliche Carcassonne Festival. Leider nichts während unserer Tage hier.

Nach außen schauen wir einfach weiter die Mauer entlang, durch die Zinnen auf Weinberge und die Unterstadt von Carcassonne, sowie auf weitere Befestigungsanlagen.
Uff, nun haben wir uns aber eine Erfrischung verdient! Wir verlassen das Château und tauchen in die Gassen ein. Lokale gibt es hier genug, nur scheinen die meisten grad ein (spätes) Mittagessen zu servieren. Schließlich finden wir doch ein Café, das Eisbecher auf der Karte hat. Danach sind wir bereit, durch die Altstadt zu schlendern.
Wir besuchen kurz die Basilika Saint Nazaire. Die Errichtung des heutigen Baus begann im 11. Jahrhundert und er besteht aus romanischen und gotischen Teilen. Doch schon vorher soll hier eine Bischofskirche gestanden haben. Diese Funktion hat die Basilika allerdings nicht mehr.
In den Gassen der Altstadt gibt es neben Deko-Gedöns und den üblichen Andenken hauptsächlich alles für kleine Ritter und Ritterfräulein zu kaufen.
Ein bisschen enttäuscht war ich, dass der Mittelaltermarkt nicht geöffnet war. Entgegen der Info im Internet als auch dem Schild am Zaun zu besagter Stelle. So Vorführungen über das Leben zu der Zeit hätten mich schon interessiert. Auf den Besuch des Musée de l‘Inquisition zum Thema Folter haben wir verzichtet.
Natürlich waren wir während der ganzen Zeit nicht allein unterwegs, der Touri-Trubel hielt sich aber noch in erträglichen Grenzen. Übrigens hat die Cité in diversen Filmen mitgespielt. So als Double für Nottingham in „Robin Hood – König der Diebe“ mit Kevin Costner sowie in den Fantasy-Filmen „Die Besucher“ und „Der Brief für den König“.
Wir rollern zurück zum Campingplatz. Dort entspannen wir mit einem Pastis als Aperitif, bevor wir zum Abendessen grillen.
18. September La Bastide Saint-Louis & Canal du Midi
Nachdem wir morgens einige Haushaltspflichten erledigt haben, geht es wieder auf Tour. Diesmal in kurzer Hose bzw. Rock.
Carcassonne liegt nicht nur am Fluss Aude, sondern auch am Canal du Midi. 2021 in Bezier haben wir die Gelegenheit zu einer Bootstour verpasst, das wollen wir jetzt nachholen.
Wir rollern die gleiche Strecke wie gestern, denn neben dem Bahnhof liegt auch der Hafen von Carcassonne. Leider ist die fast dreistündige Große Tour um 14 Uhr ausgebucht, wir können erst um 16 Uhr zu einer kürzeren starten.
Damit haben wir jede Menge Zeit uns die so genannte Unterstadt anzuschauen, das Viertel Saint-Louis.
Dieses wurde 1260 unter Ludwig IX einem viereckigen Grundriss errichtet. Die Seiten schützten Bastionen und Gassen wurden schachbrettartig um einen zentralen Platz angeordnet. Durch den Bau des Canal du Midi, entwickelte sich hier stark die Tuchindustrie. Reiche Kaufleute bauten im Viertel prächtige Stadthäuser mit farbenfrohen Fassaden. Einige davon sind noch zu sehen. Die engen Gassen sind nun teilweise Fußgängerzone, gesäumt von Lokalen und Geschäften.
Herzstück ist der Place Carnot. Dort findet grad ein Markt statt bzw. leider schon mehr der Abbau; sprich viele Fahrzeuge im Weg. Daher spazieren wir erstmal weiter Richtung Cathédrale Saint Michel de Carcassonne. Sie wurde im 13. Jahrhundert als einfache Pfarrkirche gegründet und das blieb sie auch bis 1801. Im Zuge eines Vetrages zwischen Napoleon und dem Vatikan wurde sie dann an Stelle der Basilika Saint Nazaire zur Kathedrale des Bistums Carcassonne ernannt, erreichte aber nie deren Bedeutung. Leider ist die Kirche zugesperrt, das Innere können wir nicht besichtigen.
Der modernere Platz davor ist den Opfern der Nazi-Zeit gewidmet (Gedenktafeln in Rostoptik).
Rechts locken uns Baumreihen die Böschung hinauf, sie gehören zu einer mehrreihigen Allee. Das meiste davon wird zum Parken genutzt. Es gibt aber auch Beete, Bänke zum entspannen, einen Spiel- und einen Bouleplatz. Kurze Ruhepause!
Am Place de Général de Gaulle tauchen wir durch das Portail des Jacobins wieder ein in die Gassen. Uns begegnen immer wieder Gruppen von jungen Leuten in gleichen T-Shirts; also diesselbe Aufschrift, aber unterschiedliche Farben. Es stellt sich heraus, dass das die Erstsemester der ansässigen Uni sind. Auf einer Art Schnitzeljagd sollen sie die Stadt kennenlernen.
Schließlich kommen wir wieder zum Place Carnot. Jetzt stehen dort unter den Bäumen hauptsächlich Tische und Schirme der umliegenden Lokale. Auch wir finden hier ein Plätzchen für Café au lait und Crêpes. Für äußere Erfrischung würde der Neptunbrunnen sorgen.
Obwohl wir dann immer noch eine gute Stunde bis zur Bootsfahrt haben, bummeln wir schon mal zu Kanal. Ich dachte, dass bunte Schiff dort wäre ein Werbeträger. Tatsächlich aber kann man im Innern eine Show besuchen. Zitat Touristenbüro: „Öffnen Sie Ihre Augen und Ohren weit, es könnte sein, dass die Genies, die dem Canal du Midi Leben gaben, zurückkommen und Ihnen von seiner unglaublichen Odyssee im Laufe der Jahrhunderte erzählen. Ideen kommen, die Wände erzählen, die Elemente entfesseln…“
Hätten wir vorher wissen sollen, so warten wir im Schatten der Bäume auf unser Ausflugsboot. Es kommen immer mehr Leute, es wird viertel vor (wir sollten 15 Minuten eher da sein) und 16 Uhr, doch nur andere Boot schippern vorbei.
Die ersten gehen schon wieder zum Ticketkiosk, als endlich die Helios in Sicht kommt. Die Gäste, die die Croisière Cité gemacht haben, gehen von Bord und wir dürfen einsteigen. Das Boot wird voll, heißt hier und da sind für Fotos Leute im Weg. Wir haben die Croisière Nature gebucht, heißt wir schippern Richtung Westen. Leider kommen wir so an keiner Aussicht auf die Festungsstadt vorbei. Unterwegs werden wir mit Erklärungen beschallt, auf französisch und englisch. Dabei ist letztere immer etwas knapper gehalten. Für andere Sprachen, z.B. spanisch für unsere Sitznachbarn, gibt es eine Mappe mit Fotos und Erklärungen.
Kurz zur Erinnerung: der Canal du Midi ist ein Wasserweg vom Mittelmeer nach Toulouse, der 1681 fertig gestellt wurde. Die Ergänzung bis in den Atlantik lieferte der Fluss Garonne. Später wurde auch da ein Seitenkanal gebaut. Damals bedeutete der Kanal eine enorme Erleichterung für den Handel, musste man ja nicht mehr die iberische Halbinsel umfahren. Heute dient er hauptsächlich der Freizeitschifffahrt.
Wir unterqueren einige Brücken, rechts und links sehen wir erstmal nur struppige Böschung. Zumindest Reiher scheinen sich da wohl zu fühlen; laut App ein Graureiher.
Bald jedoch wird der Kanal mehr von Bäumen flankiert. Die ursprünglich gepflanzten Platanen sind von einer Pilzkrankheit befallen, jetzt experimentiert man mit resistenteren Baumsorten.
Nebenher auf den alten Treidelwegen sind heutzutage viele Radfahrer unterwegs.
Nach 3440 m (laut Inschrift) kommen wir zum l‘Epanchoir de Foucaud.
Die Tour hält hier für einen Erfrischungs- und Boxenstopp; auch regionale Produkte soll man erstehen können. Wir bleiben an Bord, denn wir haben keine Lust uns in die Schlangen einzureihen.
Wenn ich mich recht erinnere, gibt es beim Haus so etwas wie Revisionsschleusen. Damit legt(e) man den Kanal abschnittweise zur Reinigung trocken. Was dabei so alles gefunden wird: von jeder Menge Plastikflaschen über Einkaufswagen und Fahrrädern hin zu kompletten Autos. Und alles in erschreckender Zahl.
Als wir da so vor uns hin dümpeln, braust ein Hausboot vorbei. Da wird unser Käptn aber ganz fuchsig. Weiß nicht, ob es Geschwindigkeitsbegrenzungen auf dem Kanal und Strafzettel gibt, jedenfalls hat er sich die Bootsnummern notiert.
Wir kreuzen noch 1682 m weiter nach Westen. Hier säumen zum Teil mal Zypressen das Ufer, zum Teil überspannen die Äste fast den ganzen Kanal.
Irgendwo liegt dann ein Wrack am Ufer. Auf Nachfrage erklärt die Reiseleiterin, dass die Gemeinde das erst nach 16 Monaten entfernen darf, wenn bis dahin der Eigentümer nicht ermittelt werden kann.
Wir nähern uns der Schleuse La Douce und durchfahren sie. Ein kurzes Stück geht es noch weiter, dann drehen wir und schippern zurück nach Carcassonne.
Gegen 18:20 Uhr sind wir wieder im Hafen von Carcassone. Alles in allen haben wir diese Bootstour genossen; kostete übrigens 11 Euro pro Person. Mit dem Roller düsen wir zurück zum Campingplatz zum üblichen Abendprogramm.